Satire (nicht nur) zu S21:
Lobotomie


(Till-Simplizius – Parkschützer 34305, 28.7.2014)
Demokratisch lobotomiert
Von den Befürwortern von Stuttgart21 hört man immer wieder, das Projekt sei „demokratisch legitimiert“. Darüber kann man streiten. Unstrittig aber ist, mich hat dieses Projekt „demokratisch lobotomiert“. Diese Krankheit scheint neu zu sein, dürfte aber weitgehend unbemerkt bereits viele S21-Gegner befallen haben. Auch ich wusste lange nichts davon. Ja, ich habe meine Probleme selbst gar nicht bewusst wahr­ge­nom­men.


Aus tiefer Überzeugung heraus habe ich immer und immer wieder gegen S21 demonstriert, Baustellen blockiert, Leserbriefe geschrieben und ehrbare Politiker mit Briefen belästigt ohne je ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Zu keiner Zeit habe ich daran gezweifelt, dass mein Tun und Denken undemokratisch sein könnte. Bis mich ein guter Freund und bekennender Proler auf mein Problem aufmerksam machte. Der Name des Freundes tut hier nichts zur Sache. Nennen wir ihn einfach Wolfram Wiedrich vom S21 Kolportationsbüro. Dieser Freund klärte mich darüber auf, dass mein Handeln zutiefst undemokratisch sei, weil S21 schließlich auf allen Ebenen demokratisch legitimiert sei. Obwohl ich das verstand, fühlte ich keinerlei Un­rechts­be­wusst­sein. Das beunruhigte mich und ich beschloss, einen kompetenten Facharzt zu konsultieren. Wolfram empfahl mir Dr. Reiner Greisler, einen anerkannten Demokratologen, der schon oft für das Kolportationsbüro er­folg­reich tätig war. Dr. Greisler erkannte sofort mein Problem und konfrontierte mich mit der erschütternden Diagnose „Demokratische Lobotomie“. Als Ursache identifizierte er eine stark übersteigerte Kritikhaltung gegenüber Obrigkeiten. Diese Haltung führte offensichtlich zu einem massiven Vertrauensverlust gegenüber politischen Entscheidern der es mir schließlich unmöglich machte, deren Argumente und Entscheidungen zu akzeptieren. In dieser Situation genügt ein kleiner Funke, beispielsweise eine unvorhersehbare Explosion der Projektkosten von S21 in Milliardenhöhe, um die Lobotomie auszulösen. Das heißt, selbst eine so alltägliche Nachricht schneidet sich dann wie ein Skalpell durch das Gehirn und durchtrennt die Nervenbahnen zwischen dem Demokratielappen der Großhirnrinde und dem Konsens-Thalamus. Der Betroffene ist danach nicht mehr in der Lage, demokratische Prozesse wie Parteispenden, Konsensfindung in Hinterzimmern oder auch Bürgerbeteiligungen deren Ergebnisse keinerlei Einfluss auf die schon vorab getroffene Entscheidung haben, demokratisch zu akzeptieren.

Eine völlige Unempfindlichkeit und Apathie gegenüber derlei demokratischer Entscheidungsprozesse ist die unausweichliche Folge, die nicht oft zu völlig überzogenen Widerstandsreaktionen führt. Massiver Protest gegen wichtige Zukunftsprojekte zum Beispiel. Selbst wenn diese überaus riskant, gnadenlos überteuert und absolut sinnfrei sind.

Dr. Greisler empfahl mir eine sofortige Amputation des gesamten Großhirns. Das sei kurzfristig wirksam und völlig ungefährlich, weil das Kleinhirn ohnehin die wichtigsten Funktionen wahrnehme. Sogar Re­gie­rungs­partei­en hätten damit schon großartige Erfahrungen gemacht. In manchen Parteien sei die Groß­hirn­ampu­ta­tion sogar eine wesentliche Voraussetzung für Parteikarrieren und Übernahme von Regierungsämtern.

Ich lehnte diesen Vorschlag allerdings ab. Vermutlich auch eine Folge meiner demokratischen Lobotomie, die ja eine spontane Gegenhaltung zu Vorschlägen von Obrigkeiten impliziert. Ich musste also andere Lösungen suchen. Da die regelmäßigen medialen Hirnwäschen bei mir bereits versagt hatten, suchte ich schließlich einen Psychiater auf. Der empfahl mir, mich mit meinen Problemen aktiv auseinanderzusetzen. Darum habe ich beschlossen, darüber zu erzählen. Ich werde aufschreiben, was mich zum Thema S21 bewegt und diese Gedanken öffentlich machen. Vielleicht macht das ja dann wieder einen guten Demokraten aus mir, der Mehrheitsentscheidungen akzeptieren lernt unabhängig davon, ob sie sinnvoll sind und wie sie zustande kamen. Und wer weiß, vielleicht kann ich dann sogar endlich S21 gut finden. Obwohl, dazu wäre dann sicher doch die Großhirnamputation nötig.


 

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