“Berlin-Holzbahnhof”


Das war ein Schock, als wir am 17.Juli 2014 unsere Schwiegertochter und unsere zwei Enkeltöchter am Berliner Bahnhof Gesundbrunnen abholten.

Sie waren mit dem ICE aus Nürnberg angekommen. Der ICE Bahnhof-Gesundbrunnen hat 10 Durch­gangs­glei­se, auf einer zweiten Ebene ist der S-Bahnhof. Auf der dritten Ebene soll das Empfangsgebäude entstehen – es ist seit 8 Jahren Baustelle. Es sieht aus wie eine Ruine, die notdürftig mit Bretterzäunen abgesperrt ist. Die Aufzüge zwischen den Ebenen sind langsam und so verlottert, dass man Angst haben muss mit ihnen zu fahren.

Passanten vermuten, dass noch zwei Jahre vergehen werden, bis es fertig sein wird. Wir dachten sofort an Stuttgart 21 und stellten uns gleich die Frage, was wird uns die Deutsche Bahn in den nächsten Jahren in Stuttgart noch zumuten?
GÜNTER und KATJA KLEPSER.


Dazu passt der Artikel “Berlin-Holzbahnhof”
(Peter Gärtner – Südwestpresse, 28.7.2014)

Berlin gilt seit jeher als berühmteste unfertige Stadt der Welt. Ein Zusammenschluss von Dörfern, die zu Kiezen wurden – dazwischen viel Grün- und Straßenland, aber wenig urbanes Treiben. Fast jeder der Bezirke hat seinen eigenen Bahnhof, gerade die jüngsten halten eisern am alten Motto der Hauptstadt fest.

Dies gilt insbesondere für den Hauptbahnhof, über den es bei der Eröffnung 2006 zwar hieß, er sei der schönste und modernste auf dem Kontinent. Damit die elegante Konstruktion rechtzeitig zur Fußball-WM ans Netz gehen konnte, hatte der damalige, Bahnchef Hartmut Mehdorn das Tempo stark erhöht. Das führte nicht nur zu einem bis heute verkürzten Dach, sondern auch zu einfacheren Lösungen bei Details. Ein Jahr nach der Eröffnung krachte bei einem Sturm ein unbefestigter Stahlträger zu Boden. Im vergangenen Jahr stellte sich heraus, dass die Gleiskonstruktionen saniert werden müssen, weil sich Schrauben gelöst haben. Dafür müssen die Fernbahngleise im kommenden Jahr für fast drei Monate gesperrt werden, anschließend fast ebenso lang die der S-Bahn.

Dagegen sind die Risse in den mehr als 15 000 Scheiben fast zu vernachlässigen. Die gibt es seit der Eröffnung, weshalb immer wieder die Glaser anrücken müssen. Jetzt haben sich die Schäden allerdings derart gehäuft, dass die Bahn Scheiben durch Holzplatten ersetzen musste. Vorläufig zieren 27 grobe Verbundpaneele die grazile Konstruktion. Da der Vorzeigebahnhof in einer Kurve liegt, gibt es keinen Scheiben-Vorrat, nur Maßanfertigungen. „Berlin-Holzbahnhof” spottete der „Tagesspiegel”.

Doch es geht noch unfertiger: der stark frequentierte Umsteige-Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen ist seit Jahren der einzige ICE-Halt ohne Empfangsgebäude. Auch dieses fiel Tempomacher Mehdorn zum Opfer. Im Frühjahr soll der vereinfachte Bau abgeschlossen sein – nur knapp ein Jahrzehnt nach der Einweihung.


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