30.9.2010  – Der dritte Jahrestag in Tübingen.

Weltbilder wurden erschüttert
Der schwarze Donnerstag hat das Land verändert / Heute ist dritter Jahrestag
 

(Renate Angstmann-Koch – Schwäbisches Tagblatt Tübingen, 30.September 2013)
“Der Tag hat mein Weltbild verändert.” Das sagen Menschen, die beim Polizeieinsatz am 30.Sep­tem­ber 2010 im Stuttgarter Schlosspark waren. Auch in der Region haben einige bis heute keinen Frieden mit Stuttgart 21 geschlossen – trotz Schlichtung und Volksabstimmung.
 
Tübingen/Reutlingen.  Falschinformationen über Kosten und Planung, verquere Fragestellung beim Volks­ent­scheid: Das halten Kritiker der grün-roten Landesregierung entgegen, die sich durch ihn verpflichtet fühlt, den Tiefbahnhof zu bauen.

Wer von den Aktivisten gegen Stuttgart 21 aus der Region Zeit findet, fährt heute am dritten Jahrestag des Schwarzen Donnerstags zur Gedenkdemonstration in die Landeshauptstadt. Die damalige Konfrontation zwischen zum Teil sehr jungen Demonstranten und Polizei forderte nach Angaben der “Parkschützer” bis zu 400 Verletzte. Politisch und strafrechtlich ist der Tag bis heute nicht aufgearbeitet.


 
Der Reutlinger Liedermacher Thomas Felder beobachtete das Geschehen aus nächster Nähe. E-Mails und Kurznachrichten hatten ihn alarmiert, im Schlossgarten könne eine gewaltsame Räumung bevorstehen. Er besorgte sich eine Digitalkamera und fuhr los. Wenig später stand er neben Polizisten, die zum Teil aus anderen Bundesländern kamen. Noch heute spricht Felder empört von “vermummten Schwadronen polizeilicher Kampfroboter”, die “mehrere hundert unbescholtene Bürger zum Teil schwer verletzten und traumatisierten, weil diese sich einer rechtswidrigen Baumfäll-Aktion in den Weg gestellt hatten”.

Felder wird heute bei der Kundgebung ein Lied vortragen, das “16 minus 8″ zum Motto hat. Sein Vorwurf: In Stuttgart soll ein funktionierender Bahnhof mit 16 Gleisen zu einem Tiefbahnhof mit 8 Gleisen zurückgebaut werden, der aber angeblich das Doppelte leistet, also ebenso viel wie ein Bahnhof mit 32 Gleisen – in seinen Augen ein Schwindel. Es kränkt ihn auch, dass Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit Hinweis auf eine Verpflichtung beim Cannstatter Wasen heute nicht zur Gedenkdemonstration kommt.

Auch TAGBLATT-Fotograf Manfred Grohe war entsetzt über den “ganz brutalen Einsatz” mit Wasserwerfern und Pfefferspray. Bis heute unterstützt er die Protestbewegung, etwa die Aktionsgruppe Steinlachtal für K 21. Zu ihren Treffen kommen meist um die dreißig Leute. Gerhard Futter, als Ergotherapeut Fachlehrer an der Mössinger Dreifürstensteinschule, ist gelegentlich dabei. Zu großen Demonstrationen fährt er auch nach Stuttgart. “Es geht nicht nur um den Bahnhof” sagt er. Mit welchen Mitteln Bahn, Politik und Beteiligte das Projekt durchsetzen, ist in seinen Augen “ein Lehrstück, wie solche Prozesse ablaufen”.

Claudia Pantelidis und ihr Mann Sotirios machten schon beim “Schwabenstreich” jeden Dienstagabend an der Ecke Neckarbrücke und Gartenstraße in Tübingen mit. Inzwischen zog er als Mahnwache mit jeweils rund einem Dutzend Stuttgart-21-Gegnern an den Eingang der Neckargasse um. Das Geschehen im Schlossgarten war für Claudia Pantelidis “ein einschneidendes Ereignis, das mein Weltbild und mein Bewusstsein von dem System, in dem ich lebe, verändert hat”. Die Schlichtung habe bestätigt, dass Stuttgart 21 schlecht, falsch geplant und schädlich sei, sagt die Diplompsychologin im Ruhestand. Es sei “völlig irrwitzig”, trotzdem weiterzubauen.

“Seither glaube ich nicht mehr, dass ich in einem demokratischen Rechtsstaat lebe.”
Claudia Pantelidis

“Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht” ist auch das Motiv Annette Herrgotts, weiter gegen Stuttgart 21 zu protestieren. Die pensionierte Lehrerin ist vor allem enttäuscht von den Grünen. Sie ist nicht nur entsetzt, “wie brutal” die Sicherheitsbehörden damals vorgingen, sondern auch, dass es “Ja noch weiter geht”. So werde der durch den Strahl eines Wasserwerfers erblindete Dieter Wagner “beschattet wie in der DDR. Man dichtet ihm an, er wäre gar nicht blind. Das macht mich rasend.”

Der Tübinger Alexander Schlager erlitt damals eine Netzhautablösung. Der 34-Jährige kam aber deutlich besser davon als Wagner. Sein rechtes Auge wurde operiert und geheilt. Auch Schlagers Brille war kaputt. Wenn die strafrechtliche Verantwortung für den Polizeieinsatz geklärt ist, will Schlager Schadensersatz und Schmerzensgeld fordern.

Auch Katja und Günter Klepser aus Altingen sind weiter aktiv. Klepser betreut die Internet-Seite “SPD-Mitglieder gegen S 21″, auf der sich rund vierzig Namen aus dem Kreis Tübingen finden. Günter Klepser treibt vor allem um, dass der Tiefbahnhof nur halb so leistungsfähig sein werde wie der heutige Bahnhof. “Das ist ein Rückbau. Ich verstehe überhaupt nicht, wie sich meine Parteioberen in Stuttgart auf so einen Betrug einlassen können.”



Rita Haller-Haid: Stuttgart 21 muss gebaut werden

Für die SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid ist es keine Frage, dass Stuttgart 21 gebaut werden muss. “Wir müssen der Bahn auf die Finger gucken. Aber wir hatten eine Volksabstimmung, das ist nicht nichts.” Planungsprobleme oder Kostensteigerungen seien bei solchen Projekten normal, unbefriedigend nur die Situation am Filderbahnhof.

Am Schwarzen Donnerstag, zu dem es einen Untersuchungsausschuss gab, “war mit Sicherheit die Art und Weise des Ablaufs nicht gut”, sagt Haller-Haid. „Der Tag hat bei allen etwas bewirkt. Das ist aus dem Ruder gelaufen, dafür hat Mappus eine Quittung gekriegt.” Die Situation sei auch für die SPD schwierig gewesen, die sich für Stuttgart 21 aussprach. “Die Aggressivität nahm zu, aber durch die Volksabstimmung hat man die Emotionen wieder herunterzonen können.”


 
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2 Antworten auf  30.9.2010  – Der dritte Jahrestag in Tübingen.

  1. Frank Distel sagt:

    Zu den Aussagen von Rita Haller-Haid kann ich in aller Kürze nur folgendes anmerken: wer heute immer noch nicht erkennen will, dass durch die gezielten Lügen der S21-Pro­ta­go­nis­ten sowie längst unbestreitbare Fakten zu Stuttgart 21 der Volksabstimmung jegliche Geschäftsgrundlage fehlt, ist ein IGNORANT!

  2. Klaus Riedel sagt:

    Liebe Rita Haller-Haid,
    “Augen zu und durch”, so könnte man deinen Kommentar überschreiben. Nichts wahr­ge­nom­men von den Planungsfehlern, Katastrophenrisiken in den Tunnels, von den Gefahren für das Grundwasser und von den Bodenspekulationen. O.K. Projekte können aufgrund unvorhergesehener Ursachen teurer werden. Das “bestgeplante und best­fi­nan­zier­te Projekt S21″ ist jedoch bereits dreimal so teuer wie versprochen. Die Ursache sind keine nicht vorhergesehenen Probleme, sondern allein Planungsfehler. Die Menschen wur­den schlicht belogen. Diese VA steht auf diesem Fundament und wird noch ihre un­heil­vol­len Folgen haben. Leider denken viele SozialdemokratInnen so wie Du und setzen eine Wahl nach der anderen in den Sand. In aller Kürze und mit einem schönen Gruß
    Klaus Riedel,
    auch Sozi seit 43 Jahren, 68 Jahre alt, also ein echter 68iger, dennoch viel dazu gelernt und als langjähriger Stadtrat und Kreisrat kann ich nur staunen, wie du diese Kos­ten­stei­ge­run­gen einfach so hinnimmst.

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