Behauptungen der S21-Befürworter sind falsch!

Hier eine sach- und fachkundige Äußerung einer Gruppe ehemaliger Eisenbahner aus dem Remstal, zugesandt mit der Bitte um Veröffentlichung. Mit freundlichen Grüßen – Egon Hopfenzitz (früherer Leiters des Stuttgarter Bahnhofs).

Das Projekt Stuttgart Hbf; Umbau in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof, (“Stuttgart 21″) aus der Sicht betroffener Bürger und erfahrener Bahnfachleute

Wir sind überzeugt, dass der vorgesehene Umbau des Stuttgarter Hbf in einen unterirdischen Tiefbahnhof ingenieurtechnisch gelingen wird. Auch erachten wir es für möglich, dass die frei werdenden Gleisbereiche für eine sinnvolle städtebauliche Nutzung verwertbar sind. Aber wichtige Fragen, die den Umbau des Kopfbahnhofes in einen Durchgangsbahnhof mit acht Gleisen, als auch die anschließende Nutzung betreffen, wurden öffentlich für die Bürger nur undeutlich oder gar nicht gestellt und auch nie beantwortet. Manches, was die Projektbetreiber behaupten, ist nicht erwiesen oder unzutreffend. Es müsste deshalb öffentlich wirksam erörtert werden.

Behauptung der Befürworter:
“Der bestehende Kopfbahnhof ist veraltet und durch Stuttgart 21 werden sich die Fahrzeiten er­heb­lich ver­kür­zen”.

Beurteilung von Bahnfachleuten: Das trifft so nicht zu. Der Kopfbahnhof ist heute mit seinen 16 Bahnsteiggleisen und vieler Nebengleise und wegen der Überwerfungsbauwerke einer der leistungsfähigsten Bahnhöfe. Zugfahrten können den Gleis­be­reich gleichzeitig kreuzungsfrei queren. Z. B. kann ein Zug aus Gleis 12 nach Böblingen und gleichzeitig ein Zug aus Gleis 1 nach Cannstatt ausfahren, weil sie auf verschiedenen Niveaus kreuzen. Kürzere Fahrzeiten werden nur geringfügig durch den Tiefbahnhof, sondern hauptsächlich durch die geplante Ausbaustrecke Wendlingen-Ulm erzielt. Im übrigen verursacht der derzeitige Fahrtrichtungswechsel bei Ein- und Ausfahrt eines Zuges unerhebliche zeitliche Verzögerungen, da bereits heute nur noch wenige Lokwechsel stattfinden. So bleibt z. B. bei den Zügen von und nach Aalen die Lok immer am Zugende Richtung Stuttgart.

Behauptung der Befürworter:
“Wenn Stuttgart 21 nicht kommt, fährt der Schnellverkehr an Stuttgart vorbei.”

Beurteilung von Bahnfachleuten: Das ist bereits heute widerlegt, indem schon längst die ICE und neuerdings auch die TGV (aus Paris) den Stuttgarter Hbf genau so problemlos anfahren wie die anderen Kopfbahnhöfe auch. So etwa Paris Est die TGV und München die ICE (und alsbald auch die TGV auch München ).
Zweifelhaft: Ob mit der vermeintlichen Aufwertung des Schienenverkehrs durch das Projekt Stuttgart 21 eine wirksame Begrenzung der PKW- Fahrten verbunden ist, wie behauptet wird, ist mehr als fraglich. Sehr forsch ist auch angesagt, es würden auf dem frei werdenden Bahngelände 24 000 Dauerarbeitsplätze und Wohnraum für 11 000 Menschen geschaffen. Unseres Erachtens werden aber eher viele Arbeitsplätze von anderen Quartieren Stuttgarts in das neue Zentrum verlagert werden.

Behauptung der Befürworter:
“Stuttgart 21 verbessert ganz wesentlich unseren regionalen Schienenverkehr.”

Beurteilung von Bahnfachleuten: Durch die Neugestaltung des Bahnknotens Stuttgart Hbf/ Cannstatt kann die Leistungsfähigkeit im Streckenabschnitt nach Cannstatt tatsächlich verbessert werden. Eine höhere Zugdichte im übrigen regionalen Schienenverkehr wäre aber bereits heute auf vielen Streckenabschnitten möglich. Eine Steigerung der Leistungsfähigkeit ist allerdings dort nicht gegeben, wo nicht ausreichend Gleise vorhanden sind (z. B. zwischen Waiblingen und Schorndorf). Mit Stuttgart 21 hat aber beides nichts bzw. nur marginal zu tun.

Fragen:
Als nächstes wäre die Frage, wo denn für Reisende, die im unterirdischen Durchgangsbahnhof umsteigen müssen, ein Vorteil besteht?

Heute kann ein Reisender immer mit seinem Rollkoffer oder dem Koffer-Kuli bequem von einem Bahnsteig zum anderen gelangen; ohne Treppen, ohne Aufzüge. Zukünftig wird das nicht immer möglich sein: Der Anschlusszug wird oft an einem anderen Bahnsteig stehen, der dann nur über Rolltreppen oder Aufzüge umständlicher als heute erreichbar ist .
Und kann das Notarztfahrzeug auch noch wie heute von der Straße her (über den Nordausgang) an jeden Bahnsteig fahren?
(Diesellokbespannte Züge und Sonderzüge mit Dampflok dürfen wohl nicht mehr im Tiefbahnhof verkehren.) Erschwernisse und Beeinträchtigungen während der zehnjährigen Bauzeit.
Für die Öffentlichkeit werden die Unwägbarkeiten und Behinderungen während der Bauzeit gar nicht vorausschauend oder nur andeutungsweise erörtert. Der Umbau einer Bahnanlage dieser Größenordnung und Qualität, der so noch nirgends in Europa erfolgte, ist nur mit großen Belastungen über viele Jahre für die Menschen denkbar: Lärm, Staub, Abgase und weite Umwege zu den provisorischen Bahnsteigen sind unvermeidbar. Auch muss damit gerechnet werden, dass immer wieder Störungen im Zuglauf, Verspätungen und Zugausfälle auftreten. Das ist doch eine Erfahrung, die jeder Bahnfahrer kennt. Es werden vermutlich viele lästige Umleitungen und Schienenersatzverkehre eingerichtet werden müssen. So wird es dann oft heißen: “Verehrte Fahrgäste, wir bitten um Verständnis für die Zugausfälle. Wir bauen für Sie einen modernen Bahnhof”.
Darauf hinweisen wollen wir auch auf erforderliche Verlegungen und Sperrungen von überörtlichen Straßen (Bundesstraßen !) in Stuttgart während der Bauzeit.
All das wird die Bahnbenutzer nicht erfreuen, auch die nicht, die sich im Moment keine Gedanken über das Großprojekt machen oder es leichtgläubig gar befürworten. So manche Bahnreisende werden sich auf andere Verkehrsmittel umorientieren; möglicherweise für immer. Es gäbe sicher noch weitere Fragen. Etwa zur Leistungsfähigkeit eines Durchgangsbahnhofes mit 8 Gleisen und ohne Rangiergleise für den Störungsfall. Oder zur Finanzierung, z. B. wenn sich die Kosten ganz wesentlich erhöhen. Aber dafür müssten dann die Professoren gerade stehen, die das Projekt berechnet, gewogen und für nützlich sowie finanziell für gesichert erklärt haben. Die Mehrkosten werden dann wohl woanders in der Fläche eingespart werden.

Rolf Klöpfer Lorch
Heinrich Mundl Lorch
Dietrich Paulini Weinstadt-Beutelsbach
Eugen Rathgeb Waiblingen
Fritz Schröppel Winterbach

 
Anmerkung G.K.: “Murks bleibt Murks” – deshalb müssen wir immer wieder darauf hinweisen, wie unwahr die Behauptungen der S21-Befürworter sind.

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